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Hektische + geistlose Welt

Es war einmal eine Stadt im südlichsten Norden, deren Bewohner waren tagsüber so in Hektik und Stress, dass die Erholung nachts in ihren Betten ihnen nicht mehr reichte und so begannen die Geister der lebenden Menschen sich des Nachts abzuspalten von den Körpern, die in den Betten lagen und schliefen und trafen sich vor der Stadt bei den drei magischen Steinen im Wald. Jede Nacht chillten sie dort, um sich von der realen Welt ihrer Personen zu erholen und ihre Träume, Ideen und Wünsche auszutauschen.

In diesem Wald lebte auch eine Hexe. Ihr Name war Barbarella. Sie war 500 Jahre alt, braute Heiltränke und kannte sich gut mit Kräutern aus. Weil die Menschen so in Hektik lebten, vergaßen sie die Hexe im Wald, die ihnen vielleicht hätte helfen können bei ihrer Stressbewältigung. So lebte Barbarella recht einsam in ihrer Hütte.

Das Geistertreffen beobachtete die Alte mit Sorge, obwohl sie sich eigentlich über die Gesellschaft freuen sollte. Denn sie wusste, dass wenn die Geister sich drei Jahre lang jede Nacht abspalteten, im vierten Jahr der Tag kam, da die Wiedervereinigung am Morgen nicht mehr gelang und Geist und Körper von da an getrennt das Leben bewältigen müssten.

Barbarella warnte die Geister, bat und flehte, aufzuhören, sich im Wald zu treffen, aber die Geister lachten nur über die alte Hexe und vertrauten den weisen Ratschlägen nicht.

Irgendwann war es dann so weit. Immer mehr Geister kamen nicht in ihre Körper zurück und diese mussten ab jetzt geistlos ihren Alltag bewältigen, ihre viele Arbeit verrichten und ihre Kinder großziehen. Der Zustand in der Stadt wurde noch furchtbarer, noch hektischer, jeder schadete sich selbst, seinen Mitmenschen und der Umwelt und wenn nicht bald etwas geschehen würde, dann würde die Menschen sich selbst und ihre ganze Welt zerstören.

Die Geister im Wald trafen sich zwar immer noch an den drei magischen Steinen, aber an Chillen und den Austausch von Träumen und Wünschen war nicht mehr zu denken. Sie überlegten ständig, was sie tun könnten und dann fiel ihnen Barbarella ein und sie gingen zu ihr und baten sie um Hilfe.

Die Hexe überlegte drei Tage und drei Nächte, wälzte all ihre Bücher, las in der Akasha Chronik und dann fand sie den Heiltrank, der die Geister wieder mit den Körpern vereinen konnte.

Der Heiltrank bestand aus sieben ganz seltenen Kräutern, die nur weit entfernt wuchsen. Diese mussten an Vollmond um Mitternacht von einer reinen Jungfrau gepflückt werden, die drei Monate lang schweigen musste und nicht schnell und in Hektik reisen durfte, sondern langsam und gemütlich rückwärts gehen sollte.

Die Geister fanden sieben Mädchen, so rein wie Wasser, deren Geister sich noch nicht abgespalten hatten. Diese wurden zu Barbarella geführt und unterwiesen, was zu tun war. Jede bekam erklärt, wie das Kraut aussah und wo es wuchs, dass sie drei Monate schweigen und langsam und gemütlich rückwärts gehen mussten und jede machte sich auf den Weg.

Nach den drei Vollmonden waren die sieben Jungfrauen wohlbehalten und die ganze Zeit schweigend an ihrem Bestimmungsort angekommen und pflückten um Mitternacht ihr Kraut.

Sofort waren die Geister zur Stelle und trugen die Mädchen zurück zu Barbarella.

Die alte Hexe braute den Trank ganz nach Vorschrift und gab jedem Geist eine Portion. Diese trugen den Trank zu ihren Körpern und kurz vor Sonnenuntergang sollten die Körper den Trank trinken und sich sofort schlafen legen, damit die Geister in der Nacht zurück in ihre Körper konnten.

Und als die Sonne unterging im südlichsten Norden sprang die Realität zurück in ihre alltägliche Bahn.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann treffen sich die mit ihren Körpern vereinigten Geister noch immer einmal die Woche an den drei magischen Steinen, tanzen, chillen und tauschen sich aus, wie sie am besten ihre Träume und Wünsche verwirklichen können. Und das schönste ist, die Träume und Wünsche werden jetzt auch wahr, denn nur die Körper können sie hier auf der Erde in Realität umsetzen.

Geschrieben am 23.11.14 im Rahmen eines Wochenendseminares über „Kreatives Schreiben‟ geleitet von Laura Mühlberger

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