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Die zornige Lisa

Es war einmal ein Mädchen namens Lisa. Das war immer sehr zornig. Und in seinem Zorn und seiner Wut benahm es sich garstig, machte alles kaputt, was andere liebten, schrie herum, wenn es etwas nicht bekam, warf sich auf den Boden und ging keinen Schritt mehr weiter, wenn es nicht mehr wollte. So hatte es keine Freunde und auch die Erwachsenen mochten es nicht. Selbst die Mutter wusste keinen Rat mehr und jeden Tag, wenn sie zum Brunnen ging um Wasser zu holen und die anderen Frauen zu treffen weinte sie herzzerreißend. Die eine Frau riet, Lisa zu schlagen, wenn sie das nächste Mal zornig war, doch Lisa schlug zurück und so wurde es noch schlimmer. Die andere Frau schlug vor, Lisa zu ignorieren. Doch Lisa schrie und tobte noch lauter, bis das ganze Dorf nicht mehr schlafen konnte von dem Lärm. Die nächste Frau gab der Mutter Kräuter, die sie Lisa in einem Tee zu trinken geben sollte, doch der Tee schmeckte so bitter, dass Lisa ihn der Mutter ins Gesicht prustete und sich weigerte, noch mehr davon zu trinken. Keiner wusste Rat.

Eines Tages hörte ein Räuberhauptmann von der zornigen Lisa und er sagte sich, dass sie bestimmt eines Tages eine gute Räuberin werden würde, so unerschrocken wie sie war und so schlug er der Mutter vor, Lisa mitzunehmen und mit seinen ungefähr gleich altem Sohn großzuziehen. Die Mutter stimmte zu und so lebt Lisa ab jetzt in einem Räuberhaus. Dort war ihr Zorn und ihre Wutanfälle immer ein Grund für viel Lachen und Amüsement. Keiner schimpfte mit ihr, wenn sie garstig war, sondern im Gegenteil, alle lachten und forderten sie auf, es doch bitte noch ärger zu treiben. Oder sie warfen sich neben Lisa auf den Boden und schrien noch lauter, so dass man Lisa gar nicht mehr hören konnte. Alle hatten ihren Spaß mit Lisas Wut und freuten sich, wenn sie mal wieder loslegte.

Aber ohne Widerstand machen Zornanfälle keinen Spaß und Lisa hörte auf, ständig zornig zu sein. Sie wusste genau, was sie wollte und lernte, das nun anders durchzusetzen. Und sie merkte, dass sie mit Liebe viel mehr erreichen konnte als mit Zorn. Lisa begann ihr Herz zu öffnen und unter den Räuberkindern fand sie endlich auch Freunde und war nicht mehr allein. Besonders mit dem Sohn vom Räuberhauptmann war sie ein Herz und eine Seele und er war genau so ein Querkopf wie sie und so musste sie sich beide sehr anstrengen und die Zähne ausbeißen, wenn sie sich durchsetzen wollten und Anführer spielen wollten. Sie waren sich ebenbürtig und es war gut, dass sie sich hatten.

Lisa war immer noch wild, machte oft etwas kaputt, zerriss ihre Kleider oder fiel in den Schlamm, aber das störte die Räuber nicht im Geringsten.

Eines Tages erfuhr Lisa, sie war inzwischen zu einer jungen Frau herangewachsen, dass Schneewittchen, die Prinzessin des Landes von der bösen Stiefmutter getötet werden sollte. Als der Jäger mit der Prinzessin im Wald ankam, lauerte sie ihm zusammen mit dem Sohn vom Räuberhauptmann auf, schlug ihn nieder und führte Schneewittchen zu ihrem Räuberdorf. Und als die böse Stiefmutter verkleidet in den Wald kam, nahmen sie ihr den vergifteten Kamm, den zu engen Gürtel und den vergifteten Apfel einfach weg und bewahrten Schneewittchen vor dem Tod.

Eines Tages ritt ein Prinz mit seinem Gefolge durch den Wald, in dem die Räuber lebten und sie wurden überfallen und seine Diener ausgeraubt und der Prinz gefangen genommen.

Als Schneewittchen den Prinz erblickte, verliebte sie sich in ihn und so bat und bettelte sie so herzerweichend, bis die Räuber zustimmten und der Prinz und Schneewittchen Hochzeit feiern konnten. Am gleichen Tag heiratete auch Lisa den Sohn vom Räuberhauptmann und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben und lieben sie sich noch heute.

 

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