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Die bunte Hundefrau

Eine Fähigkeit, die niemand hat

Es war einmal ein Hundemädchen, die liebte Farben, interessierte sich für die eine und die andere, war neugierig und wollte immer wieder neue Farben erforschen. Und das Erforschen machte sie so, dass sie sich in der Farbe wälzte, bis sie in der Tiefe spüren konnte, wie sie wirkte und außerdem lernte das Hundemädchen, Farben nicht nur zu sehen und zu fühlen, sondern auch, sie am Geruch zu unterscheiden. Und wenn sie sich für eine neue Farbe begeistert hatte und dort eine gewisse Tiefe des Erkennens und Erforschens mit dieser Farbe erreicht hatte, dann begann sie, über diese Farbe eine Geschichte zu erzählen. Waren alle Worte gesagt, war’s sie zufrieden und ging weiter, neuen Abenteuern mit neuen Farben entgegen.

Die anderen Hundekinder taten es ihr gleich, doch irgendwann, meist schon bevor sie erwachsen wurden, entschieden sie sich für eine Farbe und blieben dabei und erzählten nur noch diese eine Geschichte von dieser einen Farbe. Die meisten Hunde waren grau, braun, weiß oder schwarz, einige wählten blau, rot oder gelb, wenige entschieden sich für lila, grün oder orange und fast niemand für rosa, magenta oder türkis. Vor zweifarbigen Hunden hatten die meisten anderen Angst, und bunte Hunde gab es nicht. Weitere Farben waren kaum bekannt und die wenigsten Hunde interessierten sich dafür, neue Farben zu erforschen und ihre Geschichten zu entdecken.

Bücher als Freunde

Das Hundemädchen las gerne und viel, denn jede Geschichte erzählte über andere Aspekte der Farben und oftmals lernte sie durch die Bücher neue Farben kennen, die sie dann im Leben suchte, um sie zu erfahren. Die Vielfalt und Buntheit des Lebens verdichtet in erzählenswerten Geschichten, in denen viele Farben zu Wort kommen durften.

Schon früh träumte sie davon, selber Bücher zu schreiben und über ihre Geschichten mit ihren Farben zu erzählen. Sie liebte Bücher, gab jeden Pfennig für Bücher aus, schrieb Geschichten, verfasste viele erste Kapitel, aber immer ließ die Begeisterung schnell wieder nach und sie hörte wieder auf, an dem Buch zu arbeiten, weil sie sich wieder einer neuen Farbe zuwenden wollte, keine Erfahrung missen mochte, neugierig war auf neue Geschichten mit neuen Farben.

Inmitten der anderen meist allein

Inzwischen war das Hundemädchen erwachsen geworden, hatte Kinder und lebte ein glückliches und zufriedenes Leben.

Sie hatte es sich gemütlich und bunt eingerichtet in ihrem Häuschen mit ihrer Familie, doch irgendetwas nagte weiter an ihr, oft war es ihr zu eng, zu einseitig, der Alltag zu grau, braun, weiß und schwarz. Ständig brauchte sie neue Impulse, suchte nach neuen Farben, die sie auch noch erforschen wollte, war begeistert von einer Farbe und ging dann doch irgendwann wieder weiter, wenn sie ein paar Geschichten zu dieser Farbe erzählt hatte. Keine Farbe reizte sie, ganz und für immer bei ihr zu bleiben, sie war für nichts Expertin, konnte sich nicht für eine Farbe entscheiden, aber dafür kannte sie sich bestens aus mit vielen verschiedenen Farben. Eine bunte Hundefrau, die von Jahr zu Jahr noch bunter wurde. Für ihre Umwelt und ihre Mithunde war sie anstrengend, weil sie immer wieder neues Spannendes über die aktuelle Farbe erzählen wollte, erklären wollte, wie die Farbe sich anfühlte, wie sie roch und welche Geschichten sie erzählte. Aber keiner interessierte sich für ihre Erfahrungen und exotischen Geschichten, auch nicht ihr Mann und ihre Freunde und Freundinnen. Deswegen hörte sie auf, von der Farbe zu erzählen, die sie tief im Herzen gerade berührte und deswegen fühlte sie sich inmitten von anderen Hunden oft ganz allein. Und dann tauchte sie ab in ihre bunten Geschichten, von denen sie Trost und Gemeinsamkeit erfuhr.

Wer gibt mir einen Rat?

Weil sie aber in sich wusste, dass es eine Lösung geben könne, wie diese Buntheit sich entfalten dürfe, besuchte sie viele Lehrer, Meister und Weise und fragte dort um Rat. Jeder riet ihr: „Du musst dich für eine Farbe entscheiden, du musst dich konzentrieren, mach Eines und das gescheit und erzähle eine Geschichte von einer Farbe.“ Aber die Hundefrau wollte nicht auf sie hören, wusste, dass dies nicht ihr Weg sei und ging weiter und immer weiter. Sie wollte alle Farben erfahren und ihre Geschichten miteinander verweben und sich nicht entscheiden müssen, ob lila oder türkis die für sie passende Farbe sei. Sie war eben bunt und das verstand anscheinend niemand. Blumen hatten ein- oder maximal zweifarbig zu sein und damit gut und so war es wohl auch bei Hunden.

Farbe wechsele dich

Dann begann sie zu lernen, sich einfarbig zu zeigen und die Farben immer wieder zu wechseln. Einen Tag war sie rot, den anderen lila, wenn sie glücklich war, entschied sie sich für magenta oder türkis. Oft blieb sie monatelang bei einer Farbfamilie und wechselte nur die Schattierungen und Tönungen und gerne passte sie ihre Farbe an ihre Mithunde an oder wählte eine Farbe, um die anderen zu erfreuen oder um nicht aufzufallen. Damit ließ es sich ganz gut leben. Ihr Leben wurde etwas ruhiger, sie fand mehr Freunde und fühlte sich wohl, wenn sie mit anderen Hunden zusammen war. Und doch wusste sie, irgendetwas stimmt immer noch nicht, sie lebe nicht ihren Traum, konnte immer noch nicht ihre Buntheit entfalten und zeigen. Immer wieder versuchte sie, sich anzupassen, mit anderen mitzumachen und für längere Zeit eine Farbe intensiv zu leben und das machte auch Spaß und gefiel ihr. Aber es war nicht ihr Weg, dies beschnitt sie und engte sie ein, das wusste sie genau.

Endlich Bunt

Dann beschloss sie, dazu zu stehen, dass sie eben bunt war und sie schloss sich Gruppen an, die ebenfalls mit vielen Farben spielten, die malten oder Farbtöne hörten und daraus bunte Melodien erschufen, die das Herz berührte und heilte. Dies machte viel Spaß, aber eigentlich wollte sie die Geschichten der Farben erzählen, farbige Worte die farbige Geschichten erfahrbar machten. Die Hundefrau begann, diese Geschichten aufzuschreiben, besuchte einige Kurse, auf denen sie Hunde kennenlernte, die genauso waren wie sie, die gleichen Probleme hatten und sich oftmals nicht trauten, ihre bunten Farben zu zeigen, sondern sich hinter einer Farbe versteckten, so wie meist die Hundefrau auch. Das war genau das richtige für die Hundefrau und damit sie dieses Erleben immer wieder haben konnte, machte sie immer wieder neue Kurse für farbiges Schreiben. Aber dies war auch keine Lösung, sie konnte nicht einen Kurs nach dem anderen machen, sie musste das Schöne mit in ihren Alltag bringen, doch das schaffte sie nur die ersten Tage oder Wochen nach einem Kurs, dann war alles verpufft und sie wurde wieder einfarbig und still.

Suche nach der weisen Eulenfrau

Schließlich hörte sie von einer weisen Eulenfrau mit Namen Urla, die im Schwirzelland entfernt von aller Zivilisation auf einem hohen Berg lebte, und diese Alte sollte auf alle Fragen eine Antwort wissen und für alle Probleme eine Lösung finden.

Mit neuer Hoffnung packte die Hundefrau ihren Rucksack, verabschiedete sich von ihren Liebsten, fuhr mit dem Zug ins Schwirzelland und fragte immer wieder nach dem Weg. Doch niemand konnte ihr sagen, wo die weise Urla wohne. Niemand war ihr je begegnet und wenn doch, behielt er das Geheimnis für sich.

Die Hundefrau ließ sich nicht entmutigen, stieg höher und immer höher, ging weiter und immer weiter. Bei jeder Abzweigung fragte sie ihre innere Farben-Stimme um Rat, machte einen Schritt nach dem anderen. Sie ging Wochen und Monate, vielleicht sogar Jahre. Sie zählte die Tage nicht mehr. Manchmal nagten Zweifel an ihr, jeder den sie fragte, riet ihr umzukehren und nach Hause zurück zu gehen. Dort hatte sie es doch gut gehabt. Alle meinten, die weise Urla wäre nur eine Märchengestalt, entsprungen aus einem kranken Hirn.

Angekommen

Doch als die Hundefrau kurz davor war, an diese Ratschläge ebenfalls zu glauben und aufzugeben, als alles Geld verbraucht, alles Essen aufgegessen und alle Kraft dahin geschwunden war, da ging die Sonne am Horizont auf und strahlte für einige magische Augenblicke in den buntesten Farben auf eine Eulenfrau in einem Schaukelstuhl sitzend und in einem Buch lesend. Neben ihr waren tausend weitere Bücher aufgestapelt, um sie herum hüpften Einhörner und Drachen, sprechende Tiere, Zwerge und Elfen herum und spielten die lustigsten Spiele und lachten und tanzten im Kreis.

Die Hundefrau fühlte sich sofort zuhause in dieser bunten Welt und wusste, dass dies die weise Urla sei. Sie begrüßte die Alte, stellte sich vor und fragte, ob sie sich dazu setzen dürfe. Freudig wurde sie begrüßt und bei einer Tasse Latte Macchiato hörte die weise Urla sich die Geschichte der Hundefrau in Ruhe an.

Danach wurde die Wanderin mit gutem Essen und erfrischenden Getränken bewirtet und ihr angeboten, einige Tage in Urlas Haus zu bleiben, bis sich eine Lösung zeigen würde.

Regeneration

Die Hundefrau war sehr erschöpft. Nachdem sie satt war, badete sie und legte sich ins Bett. Die weise Urla machte es sich daneben bequem und sang ihr ein Lied. Sie sang und sang, die ganze Nacht hindurch und so ging es drei Nächte lang. Tagsüber wanderte die Hundefrau umher, spielte mit den Tieren und Märchengestalten oder las in einem der vielen Bücher und erfuhr viel neues über Farben und hörte für sie unbekannte Geschichten von Farben, die sie bereits gut erforscht hatte. Jeden Tag kamen neue Farben dazu, ihr Fell wurde immer bunter und schließlich strahlte sie so hell und leuchtend, dass sie in der Dunkelheit ohne Licht lesen konnte.

Der Rat der Urla

Am Morgen nach der dritten Nacht drückte die weise Urla der Hundefrau ein kleines Büchlein mit einigen bunten Blumen in die Hand und einen Stift und sagte: „Schreibe endlich dein Buch, erzähle deine Geschichten und lasse deine vielfältigen Farben und Schattierungen miteinander interagieren und kommunizieren, bis die Geschichten der einzelnen Farben zu einem Ganzen wird, rund und bunt. Du musst dich nicht auf eine Farbe beschränken: Du musst nichts weglassen. Indem du die Geschichten deiner Farben verwebst, kannst du sie zum Leben erwecken und einen magischen Zauber wirken.“

Geschichten von Farben erzählt

Urla schenkte der Hundefrau und sich eine Tasse Tee ein und dann sprach sie weiter: „Schaue es dir genau an, was du alles für Geschichten in dir trägst:

Mutter, Tochter, Schwester und Enkelin stehen zusammen in einem warmen Grün und lachen. Witwe, Partnerin und frisch Verliebte unterhalten sich intensiv über rosa. Weinende Hundefrauen stehen zusammen in Schwarz und klagen über ihre Toten. Lachende orange Hundefrauen hecken einen Streich aus. Winnetou und Old Shatterhand reiten auf ihren silbernen Pferden vorbei und schützen alle vor Bösewichten. Ein gelber Geheimagend und ein lindgrüner Detektiv erforschen ein großes graues Geheimnis. Therapeutinnen und Heilerinnen wieseln lila oder rosa herum und fragen alle, ob sie zuhören oder helfen können. Eine Schriftstellerin sitzt abseits und schreibt konzentriert an einem blauen Fachbuch. Ein roter Bücherwurm liegt vorm Kamin mit einem spannenden Fantasyroman in der Hand. Verschiedenfarbige Freundinnen tratschen und lachen bei einer Tasse Kaffee und einem Stück Kuchen. Auf der Bühne tanzt eine weiße Bauchtänzerin mit einem Perlenbestickten Rock und eine Prinzessin mit einem goldenen Kleid. Die Umweltschützerin plant zusammen mit der Tierschützerin, der Weltverbesserin und der Utopistin ein magentafarbenes neues Projekt, damit die Welt ein besserer Ort werden kann.

In einer anderen Ecke singen und musizieren ein paar Musikerinnen in Pastell. Eine Schülerin lernt eifrig über grelle Neon-Farben, eine Studentin liest ein englisches Fachbuch über ganz seltene Farben. In der Küche steht eine Köchin, die kocht und backt bunt und lecker und probiert neue Rezepte für ihren nächsten Kochkurs aus. Eine weiße Priesterin führt ein silbernes Mond-Ritual durch und spricht mit der Quelle allen Seins. Eine alte Weise hockt in ihrer Hütte im Wald und tauscht sich mit der Schwarz-Magierin und der Hexe aus über die magische Wirkung der Farben. Eine Wellness-Genießerin sitzt in einem heißen permutt schillerndem Whirlpool und eine andere in der holzfarbenen Sauna und je entspannter sie werden um so dunkler wird das Indigo in ihrem Fell. Und dort hinten kommen zwei Hundefrauen immer näher, die eine ist Seminarleiterin und die andere schreibt erfolgreiche Fantasyromane. Ihre Farben kann ich noch nicht erkennen, aber sie leuchten hell und erfreuen jetzt schon mein Herz. Wenn sie sich mit den anderen wohlfühlen und bleiben, dann kann die Geschichte beginnen und sich jede deiner tausend Farben zeigen und viele Geschichten erzählen.“ Urla hielt kurz inne und ihr Blick wanderte in die Ferne, als ob sie die Seminarleiterin und die Roman-Schrifstellerin wirklich sehen könne. Schließlich sprach sie weiter: „In deinen Büchern und Romanen kann deine bunte Vielfalt sich entfalten und doch konzentrierst du dich nur auf eines, das Schreiben und Forschen zu deinem Roman.

Das Viele im Einen, das Eine im Vielen.“

Rückkehr nach Hause

Urla räumte das Geschirr ab und begab sich in ihren Schaukelstuhl, um zu lesen. Drei Elfenkinder kuschelten sich auf ihrem Schoß, die Alte graulte ihre Köpfchen und sofort schliefen sie ein.

Die Hundefrau sann dem Rat der Weisen noch eine Weile nach. Eigentlich hatte sie das Gesagte schon immer gewusst, es war doch so naheliegend gewesen und seit Kindheit ihr Traum, Bücher zu schreiben. Schließlich nahm sie das Büchlein und den Stift, packte ihre Sachen zusammen, bedankte sich bei der weisen Urla und ging nach Hause zurück. Dort wurde sie schon sehnsüchtig von ihrem Liebsten erwartet. Die beiden begrüßten sich und umarmten und küssten sich inniglich. Die Hundefrau erzählte ihrem Liebsten, was sie alles erlebt und erfahren hatte und natürlich berichtete sich auch von dem Rat und von den Ideen zu ihrem Vorgehen und Umsetzen. Der Liebste war bereit, die Hundefrau zu unterstützen und ihr einen Rahmen zu schaffen, an dem sie ungestört kreativ sein konnte.

Zurück und sofort gefangen

Sofort kehrte die graue Routine des Alltags zurück. Die Kinder waren groß und benötigten die Hundefrau schon lange nicht mehr. Doch vor ihrem Aufbruch hatte sie sich viele andere Aufgaben gesucht, um ihre Leere zu füllen und all diese Aufgaben riefen nun nach Aufmerksamkeit und Fürsorge.

Ein Buch ist fertig

Am nächsten Morgen setzte sich die Hundefrau an ihren Schreibtisch und schrieb und schrieb und wollte gar nicht wieder aufhören, bis sie alles als rund und stimmig empfand. Nur zum Essen und Schlafen ließ sie sich von ihren neuen Freunden wegbringen. Schnell füllten sich die Seiten und es dauerte ein paar Monate, dann waren alle Geschichten erzählt und Stille kehrte in der Frau ein. Stille, die sie noch niemals erlebt hatte: zufriedene, satte, runde, sinnerfüllte und tiefschwarze Stille, die alles verschluckte.

Das erste Buch schickte sie der weisen Urla, doch es kam zurück. Der Postbote konnte die Hütte auf dem Berg nicht finden, obwohl die richtige Adresse auf dem Paket gestanden hatte. „War die Zeit bei der weisen Urla wirklich real gewesen?“, so fragte ihr Liebster und lachte? Doch die Hundefrau flüsterte leise: „Pscht, ich verrate dir jetzt ein Geheimnis, das größte Geheimnis des Lebens: Alles ist real, auch meine Ideen, alles das was ich mir ausdenke und aufschreibe, was ich von den Farben erfahre. Es gibt nichts Unreales.“

Und seit dem Tag schrieb die bunte Hundefrau Romane in tausend Farben und berührte viele Herzen mit ihren bunten Geschichten. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann schreibt sie bestimmt noch heute und das bunter und leuchtender denn je.

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