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Eine Thermoskanne auf Fortbildung

Hallo zusammen. Ich bin die Thermoskanne von Silke und sie benutzt mich jeden Tag. Ich habe also schon viele traurige und lustige Zeiten mit ihr verbracht. Aber besonders mag ich es, wenn wir auf eine Fortbildung fahren und sie mich mitnimmt und sogar einen Wasserkocher, um auch im Hotelzimmer immer einen leckeren Tee zubereiten zu können. Ich bin ihr ganz besonders wichtig und darauf bin ich sehr stolz.

Letztes Jahr war Silke in der Schweiz. Sie besuchte dort eine viertägige Ausbildung in Poesie- und Schreibtherapie. Was das ist? Hat sich mir leider nicht erschlossen. Auf jeden Fall konnte ich beobachten, dass alle viel schrieben, aber es wurde auch gemalt, diskutiert und vorgelesen. Naja, davon möchte ich nicht groß erzählen, da bekomme ich meist nicht alles mit, weil ich meine Aufgabe sehr ernst nehme und mich wirklich anstrenge und konzentrieren muss, damit der Tee super heiß in mir bleibt. Mir ist wichtig, dass Silke heißen Tee bekommt. Das mag sie und das macht sie glücklich.

Silke war extra mit dem Auto gefahren, um Tee, Tasse, Wasserkocher, ihr Kissen und einige andere ihr wichtige Sachen dabei zu haben. Weil sie keine Autobahn-Vignette kaufen wollte, musste sie durch Berg und Tal fahren, was die Fahrzeit deutlich verlängert hat. Aber für ihren Tee tut Silke ja fast alles. Dabei im Gepäck hatte sie grünen und weißen Tee und auch ihren Lieblings-Chai-Tee. Und natürlich durfte ich in einem Korb auf dem Beifahrersitz stehen und konnte die wunderschöne Landschaft bewundern, während Silke fuhr und dabei Tee aus einer Thermotasse trank. Es ist schön so dicht beieinander zu sein. Mir wird dann immer richtig heiß vor Wonne und es fällt mir ganz leicht, den Tee warmzuhalten.

Ich bin aus Metall. So bin ich sehr stabil und – darauf bilde ich mir wirklich etwas ein – man kann mich super dicht verschließen, so dass, wenn ich umfalle, der Tee nicht ausläuft. In mir bleibt der Tee lange heiß, denn Silke mag keine lauwarme Brühe. Welchen Tee Silke kocht, ist mir ziemlich egal, aber ich hoffe, niemals kommt jemand auf die Idee, Kaffee in mich zu füllen. Igitt, wenn ich das nur rieche.

Wir waren also angekommen, hatten unser Zimmer bezogen und als Silke mich auffüllen wollte, musste sie mit Entsetzen feststellen, dass ihr Wasserkocher nicht in die Steckdose passte und sie einen Adapter braucht. So ein Mist. An so etwas hatte sie natürlich nicht gedacht.

Also war ich am ersten Tag nicht dabei und konnte mich mal erholen, das kommt selten vor, aber ehrlich gesagt, mag ich das nicht besonders. Ich möchte nützlich sein, zu etwas gebraucht werden. Dann schlägt mein Themoskannen-Herz höher und die Warmhalte-Zeit wird deutlich länger.

Am Morgen des zweiten Tages brauchte Silke ihren Fön, und der ging ja auch nicht. Also ist sie mit klitschnassen Haaren zur Rezeption gegangen und hat nach einem Adapter oder einem Fön gefragt. Ersteres liehen sie ihr aus. Juhu, jetzt bekam sie endlich eine Möglichkeit, Tee zu kochen. Doch was war das? Ich war zwar dabei im Seminarraum, aber soviel Tee wie sonst hat Silke nicht getrunken. Es gab in den Pausen Latte Macchiato und Silke ging mit der superteuren Kaffeemaschine fremd. Ich platzte fast vor Eifersucht. Wenn ich aus Glas wäre, dann wäre ich sicher zersprungen, aber Metall ist so stabil, dem können auch die heftigsten Gefühlsausbrüche nichts anhaben. Mit so einem Gerät kann ich kleine Thermoskanne natürlich nicht mithalten. Der Angeber kann Tee, Kaffee, Cappuccino und Latte machen, gesüßt und ungesüßt und alles ganz frisch und nicht warmgehalten…

Kurz und gut, es ging mir ziemlich schlecht und ich war grantig. Es muss wohl der dritte Tag gewesen sein: ich stand neben Silke auf dem Tisch und musste zusehen, wie sie Kaffee schlürfte und dabei eine Geschichte schrieb. Silke nannte ihre Geschichte „Der Steinesammler‟. Sie schien sichtlich bewegt und sehr beschäftigt, denn am Abend sollte eine Lesung aller Texte des Nachmittags stattfinden und ihrer war ziemlich lang und sie wollte ihn bis dahin zumindest nochmal grob überarbeiten. Neben mir stand also dieses hohe Latte-Glas und ich wurde gar nicht beachtet. Das Glas spöttelte ziemlich ekelhaft und machte sich lustig über Silke, aber sie war so konzentriert, dass sie das gar nicht bemerkte. Ihre Geschichte machte sie sehr traurig, denn einige Male weinte sie sogar beim Schreiben und verbrauchte mehrere Taschentücher. Silkes Mann war vor eineinhalb Jahren gestorben und die Geschichte handelte über ihn. Ich hätte sie ja gerne mit einer schönen Tasse Tee getröstet. Ja, das war mir bisher immer gelungen, wenn sie in so einem Zustand war. Dann schenkte sie sich ihren heiß dampfenden Seelentröster ein und schrieb meist in ein kleines Büchlein. Sofort ging es ihr besser. Aber heute hatte ich ja keine Chance. Und dieser biestige Kaffee besaß gar kein Mitgefühl. Im Gegenteil, er ereiferte sich, Silke solle sich nicht so anstellen, das verderbe ja den ganzen Kaffeegeschmack, wenn man beim Trinken weinen würde.

Endlich war es 15 Uhr und danach trinkt Silke zum Glück keinen Kaffee mehr, denn sie sagt, dann könne sie nicht schlafen. Also war ich wieder gefragt und musste zusehen, wie ich sie umgehend auf die Beine bekam, damit sie am Abend den Mut fand, ihre sehr persönliche Geschichte vorzulesen.

Ja, so war es bis dahin nicht die gelungenste Fortbildung, da hatte ich wahrlich schon bessere erlebt. Doch was mich wirklich getröstet hat nach diesen grauenhaften Tagen war, dass ich am Abend bei der Lesung dabei sein durfte, weil ich noch Tee warmzuhalten hatte. So konnte ich die wundervollen Gedichte und Geschichten genießen. Wer hätte das gedacht, dass da soviel Bewegendes dabei sein würde. Das ist sogar mir unter die Metallhaut gegangen. Es war eines der Highlights meines Thermoskannen-Lebens. Denn die meisten Kannen stehen nur zuhause herum und dürfen nirgends mit hin. Ich bin ein echter Glückspilz, auch wenn ich immer noch ein bisschen grolle, dass Silke mir nicht ganz treu ist, zumindest bei Latte kann sie nicht widerstehen.

Wenn ich es richtig mitbekommen habe, dann hat Silke ihre Stein-Geschichte inzwischen auf ihrer Webseite veröffentlicht. Und irgendwann, so hoffe ich, wird vielleicht auch eine Geschichte über mich dort stehen und ich werde stolz wie Oskar zuhören, wenn sie sie laut vorliest – das macht sie immer, wenn sie eine Geschichte fertig hat. So bekomme ich dann doch manchmal mit, was sie so treibt, während sie Tee trinkt. Denn nur beim lauten Lesen kann Silke spüren, wo noch etwas nicht ganz rund ist. Und lesen ist ja nicht meine Stärke, so was lernt man in der Thermoskannen-Schule leider nur am Rand. Da geht es hauptsächlich darum, wie man am effektivsten heiße Getränke warmhält ohne umzukippen und auszulaufen. Und in diesem Fach hatte ich im Abschlusszeugnis eine Eins.

Ach ja: demnächst fährt Silke wieder in die Schweiz, die Ausbildung geht weiter und ich bin mir sicher, ich darf wieder mit. Und vielleicht habe ich ja Glück und die Kaffeemaschine dort ist gerade kaputt. Oder es gibt wieder so eine tolle Lesung. Ich freue mich schon riesig. Nur hat sie ein Zugticket gebucht, ich habe sie mit ihrem Liebsten darüber sprechen hören. Denn jetzt im Winter weiß man ja nicht, wie das Wetter wird. Hoffentlich ist der Wasserkocher dabei, sonst habe ich schlechte Karten. Oder sie macht den Tee mit Wasser aus der Kaffeemaschine. Brrr – da schüttelt es mich jetzt schon, wenn ich nur daran denke.

 

Silke Geßlein, geschrieben am 29.1.2015

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